«integratio basel»: Erfolgreiche Vermittlung – auch von Personen Ü50

07.06.2017

Wer über 50 ist und arbeitslos, hat oft Mühe, eine neue Stelle zu finden. Was braucht es, damit eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt gelingt? Die «kmu news» haben bei Armin Bengel, Leiter von «integratio basel», nachgefragt. Dem Verein werden von den Sozialen Diensten BS, BL, AG und SO Stellensuchende zugewiesen.

Zwar liegt die Arbeitslosenrate der über 50-jährigen Personen mit derzeit 2,8 Prozent leicht unter dem schweizerischen Durchschnitt von 3,3 Prozent. Doch wenn ein älterer Mensch über 50 arbeitslos wird, hat er deutlich grössere Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt als eine jüngere Person.
Das zeigt sich auch an folgender Zahl: von den Arbeitslosen in der Alterskategorie der über 50-Jährigen sind 26,8 Prozent langzeitarbeitslos. Wie die Situation der älteren Arbeitnehmer und der stellensuchenden Personen verbessert werden könnte, darüber haben sich Ende April die Sozialpartner sowie der Bund und die Kantone bereits zum dritten Mal unterhalten. Ohne konkretes Ergebnis.

ES GIBT ERFOLGSGESCHICHTEN

Trotz der allgemein schwierigen Lage gibt es auch Erfolgsgeschichten, wie jene von Nihat Baloglu. Der 50-Jährige hat nach langer Suche eine passende Stelle gefunden. Ermöglicht hat dies das Projekt «integratio basel», das Langzeitstellensuchenden Jobs vermittelt. «integratio basel» wurde 2008 vom Gewerbeverband Basel-Stadt, vom Amt für Wirtschaft und Arbeit und von der Sozialhilfe Basel-Stadt gegründet.
Die Vermittlungsquote von «integratio basel» ist mit 70 Prozent aussergewöhnlich hoch. Geschäftsführer Armin Bengel erklärt im Interview mit den «kmu news», warum das so ist und was die spezielle Herausforderung bei älteren Stellensuchenden ist.

INTERVIEW MIT INTEGRATIO-GESCHÄFTSFÜHRER

«kmu news»: Die Arbeitslosigkeit bei über 50-Jährigen ist zwar geringer als bei anderen Altersgruppen, aber wenn diese ihre Stelle verlieren, haben sie deutlich mehr Mühe, eine neue Stelle zu finden. Was sind die Gründe?
Armin Bengel: Das ist tatsächlich so. 300 erfolglose Bewerbungen sind bei dieser Personengruppe keine Seltenheit. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits sind Vorurteile verbreitet; wie zum Beispiel, dass ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht mehr so belastbar, weniger flexibel und weniger motiviert seien. Andererseits sind auch zu hohe Lohnforderungen und die höheren Beitragssätze in der Altersvorsorge Hindernisse, um bei einer normalen Stellenausschreibung mit oft über 100 Bewerbern unter die ersten zu kommen

Auf was legen Sie Wert beim Begleiten von älteren Stellensuchenden?
Interessant ist, dass wir keinen besonderen Wert darauf legen, ob die Person nun über oder unter 50 Jahre alt ist. Wir betrachten den Menschen und seine Ressourcen komplett, das Alter ist nur ein Teil des Ganzen. Für uns stehen Motivation, Bereitschaft und Wille zu Veränderungen, Flexibilität und eine partnerschaftliche Zusammenarbeit im Zentrum. So ist uns auch erst bei der Auswertung der Zahlen 2016 aufgefallen, dass 46 Prozent der von uns vermittelten Kandidatinnen und Kandidaten zwischen 46 und 60 Jahre alt waren.

Wir verstehen unsere Unterstützung wie eine Treppe. Um oben anzukommen, ist als Anfang oft ein kleiner Schritt erforderlich.

Nehmen solche Stellensuchende beispielsweise auch Lohneinbussen in Kauf, und ist das überhaupt sinnvoll?
Flexibilität ist wichtig für Stellensuchende. Konkret bedeutet das beispielsweise die Bereitschaft, mit einem kleinen Pensum zu starten, für einen befristeten Einsatz, um eine aktuelle Referenz zu besitzen, oder aber auch Lohneinbussen in Kauf zu nehmen. Wir verstehen unsere Unterstützung wie eine Treppe. Um oben anzukommen, ist als Anfang oft ein kleiner Schritt erforderlich. Die Bereitschaft unserer Kandidatinnen und Kandidaten, die seit längerer Zeit auf Stellensuche sind, ist gross. Sie sind motiviert und leistungsfähig, sie wollen unbedingt arbeiten.

Welche Gründe gibt es aus Arbeitgebersicht, ältere Bewerber einzustellen?
Für etliche Branchen ist es nicht sinnvoll, nur junge Personen anzustellen. So fühlt sich beispielsweise nicht jeder ältere Bankkunde wohl, wenn er einem halb so alten Anlageberater gegenüber sitzt. Für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sprechen aber auch die Soft-Skills wie Menschenkenntnis, Lebenserfahrung, Kritik- oder Empathiefähigkeit. Zudem bleibt ein über 50-Jähriger ziemlich sicher länger an der Stelle als ein 25-Jähriger. Auch sind ältere Personen teilweise flexibler, weil sie beispielsweise keine Kinderbetreuungspflichten mehr haben. Ältere Personen haben auch nicht mehr Absenzen als jüngere. Von uns vermittelte Personen haben grundsätzlich wenig Absenzen, die Gruppe «Ü50» sogar sehr wenige. Es braucht eine stärkere Sensibilisierung für diese Vorteile und ein Umdenken.

Es gibt immer eine Chance, das ist das Credo von «integratio basel». Das leben wir.

Warum gelingt es «integratio basel» regelmässig, auch ältere Stellensuche zurück in den Arbeitsmarkt zu bringen?
Zum einen dank eines engen Kontaktes zu einem grossen Netz von Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten; das fördert die angesprochene Sensibilisierung. Zum anderen eben auch deshalb, weil das Alter für uns keine zentrale Rolle spielt. Wir erarbeiten zusammen eine Strategie, an die unsere Stellensuchenden und wir glauben, die realistisch und umsetzbar ist und die wir konsequent verfolgen. Unsere Arbeit ist immer individuell und mit den Auftraggebern sowie den Kandidatinnen und Kandidaten abgestimmt. Es gibt immer eine Chance, das ist das Credo von «integratio basel». Das leben wir.

Erfolgsquote 2016: 70 Prozent in Erwerbsarbeit vermittelt

Im Vermittlungspool von «integratio basel» befanden sich im Verlauf des Jahres 2016 115 Personen, davon waren 24 Personen aus dem Vorjahr angemeldet. Von der Gesamtzahl konnten 2016 bereits 80 Personen (70 Prozent) in die Erwerbsarbeit vermittelt werden, davon 35 Personen (44 Prozent) in eine unbefristete Anstellung. 37 der 80 vermittelten Personen waren zwischen 46 und 60 Jahre alt. Gegenüber dem Vorjahr verzeichnet «integratio basel» erneut mehr Arbeitseinsätze in der Wirtschaft und eine höhere Bruttolohnsumme. Das bedeutet, dass mehr Kandidatinnen und Kandidaten bereits während dem Job Coaching gearbeitet haben. Erwirtschafteter Lohn also, der unmittelbar Sozialhilfekosten senkt. Alleine die Bruttolohnsumme der Arbeitnehmenden, die mit einem integratio-Vertrag arbeiteten, stieg gegenüber dem Vorjahr um 22 Prozent auf 623 329 Franken. Seit 2013 stehen die Möglichkeiten von «integratio basel» auch Personen aus anderen Kantonen zur Verfügung. Im Kanton Basel-Landschaft über die jeweiligen Sozialen Dienste der Gemeinden, in Solothurn über die Sozialregion Dorneck.

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