«Es braucht auch Lösungen für den Autoverkehr»

04.12.2018

Die Regierungen beider Basel sowie das Bundesamt für Strassen legten eine gemeinsame Strategie für den Ausbau des Hochleistungsstrassennetzes in der Region vor. Dieses würde die Quartiere und Agglomerationsgemeinden massiv vom Verkehr entlasten. Kritik kommt aus dem linken Lager. Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels (SP) nimmt Stellung.

«kmu news»: Herr Wessels, welche Herausforderungen galt es auf dem Weg zum gemeinsamen Zielbild für das regionale Hochleistungsstrassennetz zu meistern?
Hans-Peter Wessels: Eigentlich nicht viele. Im Grunde ist das Zielbild gar nicht so neu. Das meiste findet sich bereits in der Strategie Strassen des Agglomerationsprogramms und im Basler Legislaturplan. Die Regierungen beider Basel arbeiten bei der Verkehrsplanung schon lange eng zusammen. Wirklich neu sind zwei Aussagen, hinter denen beide Kantone und der Bund stehen. Erstens, der Gundelitunnel wird als Einzelprojekt fallen gelassen. Zweitens: Der Bund startet gemeinsam mit den Kantonen Überlegungen zu einem Westring, der viel mehr bringen könnte als der Gundelitunnel.

Wie sieht dieser Westring aus?
Die Idee ist ein Autobahn-Tunnel irgendwo im Westen der Stadt, der den Raum Hagnau mit der Nordtangente und der A35 verbindet. Wir stehen aber noch ganz am Anfang der Überlegungen. Ob der Westring tatsächlich gebaut wird, entscheidet eine nächste Generation. Konkret ist hingegen der Rheintunnel. Dieser ist weitgehend unbestritten und politisch breit abgestützt, auch bei den Standortgemeinden in Baselland. Der Bundesrat wird voraussichtlich bereits in einem Jahr grünes Licht geben, ich hoffe auf einen Baubeginn 2025. Der Rheintunnel beseitigt den Engpass auf der Osttangente und entlastet viele Stadtquartiere sowie die Agglomerationsgemeinden Birsfelden und Binningen stark vom Verkehr.

Insbesondere Grüne und SP laufen gegen den Westring Sturm. Wie wollen Sie diese von dieser Planung überzeugen?
Zum Beispiel mit der Nordtangente. Auch dieses Projekt wurde jahrzehntelang bekämpft, aber heute wünscht sich – glaube ich – niemand mehr den alten Zustand zurück. Früher wälzte sich enorm viel Verkehr durch die Quartiere Horburg, Klybeck, St. Johann und durch Allschwil. Dank der Nordtangente konnte ein grosser Teil des Verkehrs unter den Boden verlagert und die Quartiere massiv entlastet werden. Zehntausende von Einwohnerinnen und Einwohnern profitieren täglich davon. Der verbliebene Verkehr an der Oberfläche fliesst viel besser, was auch dem Gewerbe zu Gute kommt.

Die Gegner bezeichnen den Westring als Politik der 1960er Jahre. Was entgegnen Sie?
In den 60er Jahren wäre eine solche Strasse wohl oberirdisch geplant worden. Aber wir müssen für die Zukunft planen. Der Verkehr gehört unter dem Boden, damit die Quartiere entlastet werden. Gerade die Quartiere Gundeli, Iselin, Gotthelf aber auch Binningen und Bottmingen leiden unter einem hohen Verkehrsaufkommen und unter Stau. Zudem ist der Bund bereit, den Grossteil der Kosten zu übernehmen.

Quartiere vom Verkehr zu entlasten, ist eigentlich auch ein linkes Anliegen. Warum der Widerstand?
Eigentlich schon, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass mehr Strassen auch zu mehr Verkehr führen. Der Verkehr nimmt zu, schon alleine aufgrund des Bevölkerungs- und des Wirtschaftswachstums. Wir müssen vorausschauend planen und darauf reagieren. Dass wir einen Westring prüfen, heisst nicht, dass sich die städtische Verkehrspolitik ändert. Der Öffentliche Verkehr und der Veloverkehr geniessen unverändert Priorität. Aber es braucht auch Lösungen für den Autoverkehr.

Welche Auswirkungen wird der technologische Fortschritt haben?
Die Luftverschmutzung und der Lärm werden dank der Elektromobilität deutlich zurückgehen. Offen ist, welche Auswirkungen selbstfahrende Fahrzeuge und die intelligente Vernetzung haben werden. Einerseits könnte der Strassenraum effizienter genutzt werden, andererseits würde der Kreis der potenziellen Verkehrsteilnehmer erhöht – mit selbstfahrenden Autos könnten beispielsweise auch Kinder oder Betagte unterwegs sein. Es kann durchaus sein, dass die Emissionen zwar abnehmen, die Verstopfung der Strassen aber zunimmt. Zum Zeitpunkt, wo über den Westring entschieden wird, wird die Wirkung der neuen Technologien viel besser abschätzbar sein als heute.

Kommen wir zu einem anderen grossen Infrastrukturprojekt, dem Herzstück. Warum ist dieses für die Wirtschaft zentral?
Die Erreichbarkeit der Kernstadt ist für die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts enorm wichtig. Basel steht grundsätzlich gut da, hat aber eine grosse Schwäche: die mangelhafte S-Bahn. Am Beispiel Zürich sehen wir, dass eine gut ausgebaute, hocheffiziente S-Bahn ein entscheidender Faktor für die Wirtschaft ist.

Welchen Beitrag kann das Herzstück leisten, um die Mobilitätsbedürfnisse der Zukunft abzudecken?
Ohne Ausbau der S-Bahn wird der Individualverkehr noch stärker zunehmen. Wir können den öffentlichen Verkehr im Zentrum kaum noch stärker mit Trams und Bussen ausbauen, diese stehen sich heute schon gegenseitig im Weg. Ein leistungsfähiges S-Bahn-Netz, welches die Agglomeration, die beiden Basler Bahnhöfe und den EuroAirport verbindet, ist unverzichtbar und ich bin dankbar, dass sich auch der Gewerbeverband Basel-Stadt stark dafür einsetzt.

GEMEINSAM WEITERPLANEN

Es ist ein historischer Schritt: Die Kantone Basel-Stadt, Baselland und das Bundesamt für Strassen (ASTRA) haben sich auf ein gemeinsames Zielbild des regionalen Hochleistungsstrassennetzes geeinigt. Dies ermöglicht längerfristig auch den Bau eines Westrings. Erste Priorität hat zunächst aber der Rheintunnel.

In der Region Basel sind die Hochleistungsstrassen und die zuführenden Kantonsstrassen je länger je stärker belastet. In den Spitzenstunden verlieren Autofahrer durchschnittlich 20 bis 40 Minuten pro Fahrt. Ohne zusätzliche Infrastrukturausbauten droht bei einer geschätzten Zunahme des Automobilverkehrs um 20 Prozent bis 2040 der totale Verkehrskollaps. Nun liegt endlich ein regionales, mit dem Bund abgestimmtes Zielbild vor, wie dieser Herausforderung begegnet werden soll.

Zeitliche Priorität geniessen dabei der Rheintunnel, der als Bypass zur Osttangente den Transitverkehr von und nach Frankreich und Deutschland bzw. die Schweiz aufnehmen wird, sowie der damit verbundene Achtspurausbau der A2 zwischen den Verzweigungen Hagnau und Augst. Sie werden zeitlich aufeinander abgestimmt und sollen bis spätestens 2038 fertiggestellt sein. Vorangetrieben werden im Weiteren die Planungen für einen Westring zwischen den Verzweigungen Basel-City und Basel-Euro Airport. Mit ihm können Basel West, das Gundeldingerquartier, Allschwil und Binningen wirksam entlastet werden.