«Eine lebendige Stadt braucht das Gewerbe»

30.04.2018

Architekt Christian W. Blaser betont, dass in einer Stadt nicht alles aufgeräumt und durchstrukturiert sein darf. Es braucht freie Flächen für das Gewerbe wie auf dem Lysbüchel. Die verordnete Mischung von Wohnen und Arbeiten beurteilt der Inhaber der Firma Blaser Architekten im Interview mit den «kmu news» kritisch.

Architekt Christian W. Blaser betont die Wichtigkeit von Wirtschaftsflächen.

«kmu news»: Wie beurteilen Sie das Angebot an Wirtschaftsflächen in Basel?
Christian W. Blaser: Als heterogen, aber für normale Gewerbebetriebe präsentiert sich die Situation als sehr schwierig. Zwar gibt es viele kleine Angebote. Aber wer als Gewerbebetrieb in Basel-Stadt eine günstige Erdgeschossfläche mit mehr als 100 Quadratmetern mieten will, findet nichts. Und zum Kaufen schon gar nicht. Das Gewerbe befindet sich mit dem Wohnen in einem Verdrängungskampf – und es ist der Verlierer. Die Schwierigkeit ist auch, dass die Anforderungen betreffend Auflagen und Sicherheit an Gewerberäume so hoch sind, dass sich diese punkto Erstellungskosten nicht wesentlich von Wohnraum unterscheiden – aber punkto Rendite weniger hergeben.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Man muss eine realistische Flächenplanung machen. Als Architekt baue ich natürlich sehr gerne, aber man muss schon sehen, dass Neubauten allein nicht die Lösung für den Platzbedarf des Gewerbes sind. Dies aufgrund der höheren Mietpreise in Gewerbeparks und den Schwierigkeiten der «vertikalen Anordnung». Viele Unternehmen sind auf Erdgeschossflächen angewiesen, sie brauchen Aussenraum, zum Beispiel als Rangier- und Lagerflächen oder Parkplätze. Wie gesagt müssen auch die ökonomischen Rahmenbedingungen attraktiv sein sowie die Verkehrsanbindung. Und, ganz wichtig: Das Gewerbe muss Emissionen machen dürfen.

 Es bringt ja nichts, wenn wir alles online bestellen können, aber niemand da ist, der auch mal etwas unterhalten oder flicken kann.

Was meinen Sie mit einer «realistischen Flächenplanung»?
Eben dass es neben verdichteten Gewerbe-Neubauten auch ungeordnete, freie Flächen für das Gewerbe gibt. Es braucht noch archaische Räume, es kann nicht alles aufgeräumt und durchstrukturiert sein. Sonst lebt eine Stadt nicht mehr. Auf dem Dreispitz und dem Lysbüchel gibt es noch solche Flächen, diese sollten eigentlich eine Dauerberechtigung erhalten. Sie gehören in eine Stadt. Es braucht eine Durchmischung von hoch-, mittel- und tiefwertigen Nutzungen. Das muss eine Stadt kultivieren.

Warum?
Es ist fundamental, dass das Gewerbe und die Serviceleistungen nah bei den Leuten sind. Es gibt keine funktionierende Konsumgesellschaft, wo dies nicht der Fall ist. Es bringt ja nichts, wenn wir alles online bestellen können, aber niemand da ist, der auch mal etwas unterhalten oder flicken kann. Das Gewerbe gehört zu einem attraktiven Stadtleben. Städte, die nur noch Büro-Dienstleistungsbetriebe haben, sind langweilige Orte, die nicht dem realen Leben entsprechen. Ein weiterer Grund, warum das Gewerbe in die Stadt gehört, ist der Mehrverkehr. Je weiter weg diese Servicebetriebe sind, desto häufiger werden wir Verkehrsengpässe erleben.

Wie beurteilen Sie die vorliegenden Entwicklungspläne auf dem Lysbüchel-Areal?
Ich halte weder die Wohnraumpläne für sinnvoll noch die grossflächige Verdichtung mit Gewerbehäusern. Auf dem Lysbüchel hat es heute Platz für «Werker» aller Art, es gibt Leerflächen für Kultur- und andere Nutzungen. Mit Neubauten würde man viele der heutigen Qualitäten gefährden.

Es ist eine Tatsache, dass die Empfindlichkeit der Bevölkerung gegenüber Emissionen aller Art zugenommen und die Toleranz abgenommen hat. Das führt zu Konflikten und das emissionsstärkere Gewerbe zieht den Kürzeren.

Aber das Areal ist unternutzt, es braucht eine Weiterentwicklung.
Für das Gewerbe ist es nun natürlich eher schon zehn nach zwölf als fünf vor. Die Unsicherheit über die zukünftige Nutzung hat schon viele Unternehmen vom Areal vertrieben. Deshalb ist es heute unternutzt und etwas verkommen. Der Kanton und SBB wollen dort Wohnraum schaffen, was natürlich viel höhere Renditen abwirft. Auch ich habe keinen Plan B. Sinnvoller wäre, dem Lysbüchel Zeit zu geben, sich in den bestehenden Strukturen weiterzuentwickeln. Aber das hätte man eigentlich vor zehn Jahren machen müssen. Mit der entsprechenden Sicherheit hätten die Unternehmen in den Standort investiert.

Die Kombination von Wohnen und Arbeiten sei auf dem Lysbüchel problemlos möglich, sagen der Kanton Basel-Stadt und die SBB. Wie sehen Sie das?
Nicht als problemlos. Erstens halte ich wenig von verordneten Mischnutzungen von Wohnen und Arbeiten. Ich frage mich, ob solche Retortenquartiere wirklich zum Leben kommen. Zweitens ist es eine Tatsache, dass die Empfindlichkeit der Bevölkerung gegenüber Emissionen aller Art zugenommen und die Toleranz abgenommen hat. Das führt zu Konflikten und das emissionsstärkere Gewerbe zieht den Kürzeren.

GEWERBEFLÄCHEN SCHÜTZEN – FEHLPLANUNG LYSBÜCHEL

Mit der Arealentwicklung Volta Nord wollen Regierungsrat und SBB den grössten Teil des Lysbüchel-Areals für Wohnnutzungen öffnen. Einzig die Nordspitze sowie eine kleine Fläche südlich der Firma Brenntag sollen in der Zone 7 für Gewerbe und Industrie verbleiben. Der Gewerbeverband Basel-Stadt erkennt beim vorliegenden Bebauungsplan zahlreiche Probleme. Diese betreffen nicht nur Lärmimmissionen, sondern auch die Nutzungsaufteilung, die Störfallthematik, die Verkehrserschlies-sung sowie den geplanten Standort des Schulhauses. Der Gewerbeverband Basel-Stadt will das Areal für das emissionsreiche Gewerbe erhalten und weiterentwickeln, weil es die dafür am besten geeignete Fläche im Kanton ist.

Mehr Infos: www.gewerbe-basel.ch/lysbuechel