Die KMU verdienen mehr Wertschätzung

26.09.2019

Mit Lydia Isler-Christ und Nicole Strahm-Lavanchy kandidieren zwei Frauen mit starkem Gewerbeverbandsbezug auf der Gewerbe-Liste der LDP. Lydia Isler-Christ ist Vorstandsmitglied des Gewerbeverbandes Basel-Stadt und Inhaberin der Sevogel-Apotheke. Nicole Strahm-Lavanchy arbeitet beim Gewerbeverband als Eventmanagerin und ist Präsidentin der LDP-Riehen. Im Interview erzählen sie, warum sie für den Nationalrat kandidieren.

 

 

 

 

 

Wird den KMU und dem Gewerbe genügend Wertschätzung entgegengebracht?
Lydia Isler-Christ: Nein, auf keinen Fall. In der Bevölkerung ist das Bewusstsein zu wenig da, dass die KMU für den Grossteil der Arbeits- und Ausbildungsplätze verantwortlich sind. Diese Wertschätzung ist auch im Nationalrat und in der Politik generell zu wenig vorhanden.
Nicole Strahm-Lavanchy: Das stimmt. 99 Prozent der Unternehmen sind KMU; sie bieten zwei Drittel aller Arbeitsplätze und 70 Prozent aller Lehrstellen an. Das ist eine enorme Leistung und die Grundlage für unseren Wohlstand und den wirtschaftlichen Erfolg.

Warum ist dieses Bewusstsein nur beschränkt vorhanden?
Nicole Strahm-Lavanchy: In der Politik liegt  das an der zu geringen Vertretung von Unternehmerinnen und Unternehmer in den Parlamenten. Diese sind mit ihrem vollen Engagement im Betrieb und es fehlen ihnen oft die Ressourcen, politisch aktiv zu sein. Das Milizsystem hat viele Vorteile, aber die schlechte Vereinbarkeit mit dem Selbständig-Sein ist ein Nachteil. Sinnvoll wäre vielleicht ein Stellvertretersystem einzuführen, damit sich auch Unternehmerinnen und Unternehmer ein politischen Mandat häufiger zutrauen würden.

Warum ist die Verbindung Unternehmertum und politisches Mandat so anspruchsvoll?
Lydia Isler-Christ: Eine grosse Rolle spielt sicher die starke Belastung der Unternehmerinnen und Unternehmer mit administrativen Arbeiten. Ich merke das in meinem Alltag als Apothekerin ganz konkret. Heute bin ich mindestens 50 Prozent mit Büroarbeit beschäftigt. Das ist kein vernünftiges Mass mehr. Früher hatte ich deutlich mehr Zeit für die „Frontarbeit“ und Kundenkontakte. Das ist keine gute Entwicklung.
Nicole Strahm: Ich sehe das auch in meiner Familie. Meine Grosseltern gründeten ein Sanitätsgeschäft. Mein Grossvater hatte noch Zeit für Erfindungen und Innovationen. So konnte er mehrere Patente für Prothesen anmelden. Mein Cousin, der heute das Geschäft führt, hat keine Zeit mehr dafür. Er ist vor allem administrativ tätig.
Lydia Isler-Christ: Ich habe Mühe, wenn den KMU immer noch mehr Arbeit und Bürokratie aufgebürdet werden, wie das leider mit der momentanen Politik der Fall ist. Das ist auch sozialpolitisch nicht sinnvoll. Denn je mehr Zeit ein KMU mit unproduktiver Arbeit verbringen muss, desto mehr nimmt die unternehmerische Leistung ab. Das hat einen negativen Einfluss auf das Steuersubstrat mit dem wiederum all die Sozialleistungen bezahlt werden. Eigentlich müssten alle ein Interesse an einer möglichst prosperierenden Wirtschaft haben.
Nicole Strahm-Lavanchy: Ja, die KMU sind das Fundament des Wohlstands, wir müssen Sorge zu ihnen tragen und sie nicht mit Füssen treten. Und beim Stichwort Sozialstaat ist mir folgendes wichtig: diesen können wir nur mit einem ausgeglichenen Staatshaushalt und einer gesunden Finanzpolitik bezahlen. Das können wir längerfristig nur finanzieren, wenn die öffentliche Hand nicht jedes Jahr immer noch mehr Geld ausgibt.

Wie möchten Sie sich in Bern einbringen? Was sind Ihre Schwerpunkte?
Lydia Isler-Christ: Als Apothekerin bekomme ich die Sorgen der Menschen 1:1 mit. Zum Beispiel wegen der steigenden Gesundheitskosten. In der Gesundheitspolitik möchte ich meine Erfahrungen und mein Fachwissen einbringen. Die Fachkräfte fehlen nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik.
Nicole Strahm-Lavanchy: Ja, aber eben auch in der Wirtschaft. Deshalb wäre auch eine weitere Stärkung des dualen Bildungssystems so wichtig. Diese ist für unsere rekordtiefe Jugendarbeitslosigkeit verantwortlich. Nur so können wir den Fachkräftemangel bekämpfen. Investitionen in Bildung sind Investitionen in die Zukunft.
Lydia Isler-Christ: Den Fachkräftemangel spüre ich ganz direkt im Alltag. Es ist immer schwieriger geworden, qualifizierte Fachkräfte und gute Lernende zu finden.
Nicole Strahm-Lavanchy: Störend finde ich übrigens auch die Flut an unnötigen Vorstössen. Oft wird damit nur Symbolpolitik betrieben und die Verwaltung mit Arbeit eingedeckt.

Weshalb braucht es mehr Praktikerinnen in Bern?
Nicole Strahm-Lavanchy: Weil bei vielen Vorlagen zu wenig darauf geschaut wird, was diese konkret für Auswirkungen auf die KMU haben. Dabei müsste diese Überlegung zentral sein bei jedem neuen Gesetz und jeder Verordnung. Ausserdem finde ich die Betonung auf „innen“ wichtig. Frauen sind in Bern stark untervertreten; im Nationalrat sind nur ein Drittel Frauen, im Ständerat gar nur ein Sechstel. Da braucht es eine bessere Repräsentation.
Lydia Isler-Christ: Frauen bringen einfach auch andere Blickwinkel in die Politik. Und es braucht mehr Personen mit wirtschaftlicher Erfahrung. Deshalb braucht es mehr Unternehmerinnen in der Politik.