Drei «interne» Kandidaturen: Für Basel und für die Wirtschaft

15.09.2020

Bei den Wahlen treten auch drei Personen mit direkten Verbindungen zum Gewerbeverband Basel-Stadt an. Vorstandmitglied und Grossrätin Lydia Isler-Christ, Nicole Strahm-Lavanchy (Leiterin Veranstaltungen) und der Leiter Politik, Patrick Erny. Im Interview erzählen die drei von sich, ihrer Motivation und ihrer Begeisterung für Basel-Stadt.

   

Freuen Sie sich auf den Wahlkampf?
Patrick Erny: Ja, es ist eine spannende Zeit. Aber natürlich ist es auch speziell wegen der Corona-Situation. Die meisten Veranstaltungen fallen aus; der direkte Kontakt zu Wählerinnen und Wählern ist geringer.
Lydia Isler-Christ: Ja, das persönliche Gespräch fehlt mir auch. In einer Diskussion kann man jemanden überzeugen, Unsicherheiten ausräumen. Zumindest habe ich noch den direkten Kontakt über die Kundschaft in meiner Apotheke. Und ich bin auch im Quartier unterwegs, ohne persönlichen Kontakt geht es nicht. Wahlkämpfe sind sehr lehrreich, das merkte ich, als ich vor vier Jahren zum ersten Mal angetreten bin. Damals ging ich die Sache noch unbekümmerter an als heute. Als Bisherige spüre ich schon etwas mehr Druck.
Nicole-Strahm-Lavanchy: Das geht mir gleich. Vor vier Jahren bin ich in einem anderen Wahlkreis, im Kleinbasel, angetreten. Damals erwartete ich kein Spitzenresultat. Jetzt trete ich aber in meiner Heimat, in Riehen, an. Da sind mein Ehrgeiz und meine Erwartung natürlich höher. Nun will ich angreifen.

Es geht darum, sich aktiv einzubringen anstatt nur zu klagen. Deshalb engagiere ich mich persönlich. (Lydia Isler-Christ)

Wahlkämpfe nehmen viel Zeit und Energie in Anspruch. Warum machen Sie das? Was ist Ihre Motivation?
Patrick Erny: Speziell bei mir ist, dass ich mich beruflich mit Politik beschäftige. Jetzt mache ich das einfach auch noch in meiner Freizeit (lacht). Politik ist meine Leidenschaft und ich möchte mich direkt in den politischen Prozess einbringen.
Nicole Strahm-Lavanchy: Ich war schon immer ein politisch interessierter Mensch. In der Familie diskutieren wir viel über politische Themen. Bis jetzt war einfach mein Mann der politische Aussenminister der Familie. Ich habe Lust, nun selber die Aussenministerin zu sein. Das Wort Politiker kommt aus dem Griechischen und bedeutet, für die Gesellschaft da zu sein. Ich will mich für die Gesellschaft engagieren. Politik durchdringt alles: die Kultur, das Soziale, das Leben.
Lydia Isler-Christ: Es geht darum, sich aktiv einzubringen anstatt nur zu klagen. Deshalb engagiere ich mich persönlich. Ich mache seit 25 Jahren Berufspolitik, der Schritt in die Kantonspolitik war für mich wie eine logische Fortsetzung.

Sie haben ja auch ein eigenes Geschäft. Wie bringt man die Funktionen Politikerin und Unternehmerin unter einen Hut?
Lydia Isler-Christ: Das Grossratsmandat ist ein beträchtlicher Zeitaufwand, das stimmt. Ich muss viel organisieren. Aber ich habe ein unglaublich tolles Team in der Apotheke, das mich unterstützt und auch mal den Rücken freihält. Dafür erhalten sie Informationen aus erster Hand; das finden sie spannend.

Ich würde mir wünschen, dass in der Stadt das Bewusstsein für die Landgemeinden grösser ist. (Nicole Strahm-Lavanchy)

Zwischenfrage: Was gefällt Ihnen eigentlich am besten an Basel-Stadt?
Nicole Strahm-Lavanchy: Mir gefällt, dass Basel das Zentrum einer trinationalen Region ist. Der süddeutsche Raum gehört zu Riehen dazu. Aber das Zentrum ist Basel.
Patrick Erny: Basel hat genau die richtige Grösse, das gefällt mir. Gross genug, dass etwas läuft, kulturell, in der Freizeit. Es ist keine Schlafstadt. Aber trotzdem überblickbar, persönlicher, mit kurzen Distanzen. Das macht es aus.
Lydia Isler-Christ: Das Gleiche wollte ich auch sagen (lacht). Nicht zu klein, nicht zu gross. Als Hundebesitzerin schätze ich zudem die Grünflächen. Ich bin mit Leib und Seele Baslerin; hier geboren, aufgewachsen und wohnhaft.

Zurück zum Politischen. Wenn Sie jetzt sofort etwas verändern könnten. Was wäre das?
Lydia Isler-Christ: Schwierige Frage. Ich würde mir mehr Wertschätzung für das Gewerbe und generell mehr Respekt untereinander wünschen, auch unter Personen mit anderen politischen Meinungen. Es kann doch nur funktionieren, wenn wir alle mehr oder weniger am gleichen Strick ziehen. Nur so kommen wir vorwärts.
Nicole Strahm-Lavanchy: Mit Blick auf meinen Wahlkreis Riehen würde ich mir wünschen, dass in der Stadt das Bewusstsein für die Landgemeinden grösser ist. Oft habe ich das Gefühl, die Landgemeinden werden lediglich als Anhängsel betrachtet.
Patrick Erny: Ich würde mir mehr Mut zum Aufbruch wünschen. Dass Basel mehr Fortschrittliches wagt und nicht nur das Bestehende bewahrt und rückwärts gerichtet agiert. Wenn ich nur an die Bauprojekte denke, die abgelehnt werden, wie das Ozeanium. Ich finde, wir sehen zu oft nur die Probleme.

Aus Gewerbesicht gilt generell: weniger staatliches Handeln wäre mehr. Viele Belastungen haben den Ursprung in politischen Vorstössen. (Patrick Erny)

Das sind Wünsche auf einer hohen Flughöhe. Keine politischen Forderungen wie Steuern halbieren?
Nicole Strahm-Lavanchy: Doch, die haben wir natürlich. Zum Beispiel würde ich den Eigenmietwert abschaffen, der gerade in Riehen für viele Hausbesitzer eine Belastung ist.
Patrick Erny: Die Abschaffung der Baubewilligungspflicht für Boulevardgastronomie. Eine einfache Meldepflicht würde genügen. Das sieht man ja jetzt in der Corona-Krise. Viele Restaurants können sich mehr ausbreiten auf der Allmend. Das klappt problemlos. Es wird generell zu viel reguliert.

Sie haben durch Ihre Funktionen regen Kontakt mit den 5500 Mitgliedern des Gewerbeverbandes Basel-Stadt. Was sind deren Erwartungen an die Politik?
Patrick Erny: Das sind natürlich die klassischen Themen. Die zu hohe administrative Belastung mit Gebühren, Steuern und Abgaben. Die Verkehrsinfrastruktur. Das heisst, auch auf der Strasse gut vorankommen, Güterumschlagsmöglichkeiten, nicht überall Tempo 30 oder noch weniger.
Lydia Isler-Christ: Ein wichtiges Anliegen ist auch, dass der Staat nicht die Privatwirtschaft konkurrenzieren darf. Deshalb habe ich mich erfolgreich gegen die Verstaatlichung der Entsorgung für Gewerbekehricht eingesetzt im Grossen Rat.
Patrick Erny: Aus Gewerbesicht gilt generell: weniger staatliches Handeln wäre mehr. Viele Belastungen haben den Ursprung in politischen Vorstössen.
Nicole Strahm-Lavanchy: Es will sich halt ein jeder profilieren, gerade vor Wahlen. Aber die Flut an Vorstössen bindet und beschäftigt den Verwaltungsapparat oft unnötig. Aus Sicht der Steuerzahler ist das eine Frechheit.
Patrick Erny: Weniger Regulierung und mehr Freiheit, das beisst sich leider oft mit dem zunehmenden Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es jedoch nicht. Freiheit bedeutet Verantwortung, deshalb tun sich viele schwer mit der Freiheit.

Abschlussfrage: Welches Buch liegt bei Ihnen zum Lesen bereit?
Lydia Isler-Christ: Ich liebe Bücher. Derzeit lese ich von Alex Capus «Léon und Louise».
Nicole Strahm-Lavanchy: Ich lese vor allem Sachbücher. Nun habe ich mir «Kreativität: Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft» von David Eagleman vorgenommen. Unirektorin Andrea Schenker-Wicky hat darauf vor einigen Jahren ihre Rede am Dies Academicus aufgebaut. Das hat mich beeindruckt.
Patrick Erny: Ich lese beruflich sehr viel, und vor allem viel Komplexes. Deshalb darf es bei mir auch mal ein Comic sein. Ich bin mehr der Serien-Typ. Derzeit schaue ich die spanische Serie «Haus des Geldes».

Zu den Personen

Patrick Erny (FDP) wohnt im Gundeli und ist im unteren und oberen Baselbiet aufgewachsen. Ausserdem hat er einige Zeit in Bern gelebt. Patrick Erny ist Leiter Politik beim Gewerbeverband Basel-Stadt und Vorstandsmitglied der FDP Basel-Stadt.
Lydia Isler-Christ (LDP) ist Inhaberin der Sevogel-Apotheke im Gellertquartier. Bereits ihre Mutter führte diese Apotheke. Aus diesem Grund ist Lydia Isler-Christ mit zwölf Jahren ins Quartier gezogen und hier aufgewachsen. Sie ist seit 2020 für die LDP im Grossen Rat.
Nicole Strahm-Lavanchy (LDP) ist in Allschwil aufgewachsen und wohnt seit 31 Jahren in Riehen, wo sie sich auch einbürgern liess. Sie arbeitet in Basel-Stadt als Leiterin Veranstaltungen beim Gewerbeverband Basel-Stadt. Sie ist verheiratet (eine Tochter) und Präsidentin der LDP Riehen.