Sie bilden die Fachleute von morgen aus

28.10.2020

Damit die Erfolgsgeschichte der Berufsbildung trotz Corona weitergeschrieben werden kann, braucht es engagierte Ausbildnerinnen und Ausbildner. Wir haben vier von ihnen zu ihrer persönlichen Motivation, den Auswirkungen der COVID-19-Epidemie und den Perspektiven gefragt.

In Basel-Stadt ist die Anzahl der Lehrvertragsabschlüsse fast gleich hoch wie 2019; der Anteil der basel-städtischen Jugendlichen, die auf Sommer 2020 einen Lehrvertrag unterschrieben haben, liegt sogar leicht höher. Das liegt einerseits an den Anstrengungen des Kantons, der Schulen und des Gewerbeverbandes Basel-Stadt. Anderseits hatten viele Unternehmen den Rekrutierungsprozess bereits weitgehend abgeschlossen, als Ende Februar die Corona-Epidemie und der Lockdown Teile der Wirtschaft lahmgelegte. Die entscheidende Frage ist deshalb: Welche Auswirkungen hat die COVID-19-Situation auf den Lehrbeginn 2021? Prognosen sind mit vielen Unsicherheiten behaftet. Eines kann aber mit Sicherheit gesagt werden: Die Arbeit der Berufsbildnerinnen und Berufsbildner in den Unternehmen wird noch wichtiger sein als ohnehin schon. Sie sorgen dafür, dass die Wirtschaft jene gut ausgebildeten Fachkräfte zur Verfügung hat, welche sie braucht. Bei uns erzählen vier von ihnen, was sie antreibt – und auch, dass die Anzahl Lehrstellen nicht reduziert wird.

Berufsbildnerin Esther Müller, Radisson Blu Hotel Basel

Die Hotelbranche, besonders die Stadthotellerie, wurde hart von der Corona Krise getroffen. Lockdown, geschlossene Grenzen, geschlossene Gastronomie, kaum Geschäftsreisende und weniger Touristen. Esther Müller, Berufsbildnerin im Radisson Blu Hotel, sagt: «Wir versuchten, diese Situation für die Lernenden so gut wie möglich mit Projekten aufzufangen. So haben wir beispielsweise den Lernenden mehr Verantwortung für das Hotel übergeben, so dass diese – unter Aufsicht und Coaching – Teilbereiche des Betriebs alleine führen konnten.» Weitere Massnahmen waren feste Trainingseinheiten oder Austauschprogramme mit Partnerbetrieben – zum Beispiel für die Restaurationsfachleute. Aber schwierig war die Situation auch für die Rekrutierung. «Wir haben im Vergleich zu anderen Jahren weniger Bewerbungen erhalten», schildert Esther Müller. Die Folge ist, dass zwei Lehrstellen im Servicebereich nicht besetzt werden konnten. «Aber», betont Esther Müller, «wir planen auch für 2021 mit der gleichen Zahl an Ausbildungsplätzen wie bisher und haben das entsprechend so budgetiert.» Das Radisson Blu Hotel Basel bildet momentan zehn Lernende in vier verschiedenen Berufen aus – vom Hotel-Kommunikationsfachmann bis zur Köchin. Esther Müller reizt die Zusammenarbeit mit jungen Menschen. «Das hält einen selber jung», sagt sie. Und es sei spannend, die eigenen, praktischen Erfahrungen weitergeben zu können. Esther Müller hat Restaurationsfachfrau gelernt, war später auch in den Bereichen Veranstaltung, Verkauf sowie Operations tätig und leitet heute den «Food and Beverage»- Bereich des Hotels. «Diese Vielseitigkeit ist eine Besonderheit der Hotel-Branche», sagt Esther Müller, die seit zehn Jahren Lernende ausbildet.

Berufsbildner Adrian Fritsch, Baloise

Der Berufsbildner Adrian Fritsch bildet seit 2018 Lernende aus. Auch wenn das noch keine sehr lange Zeit ist: Die Begeisterung für diese Arbeit ist gefestigt. «Lernende sind am Beginn der Lehre Teenager und entwickeln sich während der Ausbildung zu jungen Erwachsenen», sagt Fritsch. «Bei dieser Entwicklung dabei zu sein und sie zu
unterstützen, ist einfach megatoll.» Besonders bereichernd sei es, wenn «kritische Fälle» die Ausbildung bestehen oder ihnen plötzlich der «Knopf aufgeht». Die Baloise bildet derzeit 130 Personen in verschiedenen Bereichen aus– dazu gehören Lehrberufe wie die kaufmännischen Ausbildungen in Richtung Privatversicherung, Bank und Dienstleistung & Administration, aber auch Medientechnologen, Informatiker oder eine Fachperson Kinderbetreuung, da die Baloise eine eigene Kindertagesstätte betreibt. «Wir konnten alle offenen Lehrstellen besetzen», sagt Fritsch. Der Grossteil der Verträge war schon vor Corona unter Dach und Fach. «Aber ich habe auch noch zwei, drei Lehrstellen per Skype-Interviews besetzt.» Auf das Ausbildungsangebot der Baloise hatte Corona keine Auswirkungen, wie Fritsch erklärt. «Als grosse Unternehmung haben wir das Glück, relativ stabil durch die Krise zu kommen.» Deshalb sind auch auf Lehrbeginn 2021 keine Veränderungen zu erwarten. Der Rekrutierungsprozess für das nächste Jahr wurde bereits gestartet. Trotzdem hatte die Corona-Situation Auswirkungen auf den Alltag der Lernenden. «Es war eine neue Situation, auf die wir reagieren mussten», erzählt Fritsch. Zu den Massnahmen gehörten natürlich Home-Office – teilweise auch für Lernende – sowie klare Hygiene- und Abstandsregeln vor Ort. «Das war eine Herausforderung, aber eine, die wir gemeinsam erfolgreich meistern konnten.»

Carol Provenzano: familea Fachleitung Berufsbildung

«Ich bin ok, Du bist ok.» Mit diesem Zitat beschreibt Carol Provenzano, Fachleiterin Berufsbildung bei familea, ihre Haltung gegenüber den Lernenden. Man müsse sich immer bewusst sein, wo die Lernenden in ihrer Lebensphase stehen und ihre Gedankengänge in der Berufsbegleitung miteinbeziehen. «Der Lohn für diese Haltung ist eine enorme Dankbarkeit der Lernenden, insbesondere auch, wenn man sie allenfalls durch eine schwierigere Phase begleitet hat», schildert Carol Provenzano. Sie ist seit bald 20 Jahren in der Ausbildung tätig und ist dabei auf zwei verschiedenen Ebenen gefordert. Einerseits in ihrer übergeordneten Funktion als Fachleiterin Berufsbildung. Dort hat sie mit Lernenden, Eltern, internen und externen Stellen, wie zum Beispiel der Lehraufsicht, zu tun. Dabei wird sie bei allfälligen Schwierigkeiten und Standortbestimmungen hinzugezogen, führt aber auch als Dozentin Schulungen für Lernende oder Berufsbildnerinnen und Berufsbildner durch. Andererseits fordert sie die praktische Arbeit als Berufsbildnerin. «Ich muss immer auf dem neuesten Stand sein, meine Arbeit reflektieren und mich weiterentwickeln, damit ich auf allen Ausbildungsebenen die bestmögliche Unterstützung geben kann», schildert Carol Provenzano, die zudem Prüfungsexpertin ist. «Die Bereitschaft für lebenslanges Lernen ist eine wichtige Eigenschaft, die man als Berufsbildnerin und Berufsbildner besitzen muss.» Die familea Kitas bilden in Basel Stadt, Baselland und Aargau 164 Lernende aus, verteilt über alle drei Ausbildungsjahre. Die Corona-Krise war natürlich auch für familea eine grosse Herausforderung. «Viele Lernende überbrückten mit Lernaufträgen für zuhause den Lockdown, da viel weniger Kinder zu betreuen waren», berichtet Provenzano. Und nach dem Re-Start galt es dann, vor Ort die Schutzkonzepte in ihren Ausbildungsalltag miteinzubeziehen und die Einhaltung zu gewährleisten.

Berufsbildner Marco Tschopp, Brenntag Schweizerhall AG

Jedes Jahr beginnen drei junge Menschen ihre Ausbildung in der Brenntag Schweizerhall AG – entweder im kaufmännischen Bereich oder als Logistiker/-in EFZ. Bereits letzten Dezember konnten die Lehrverträge unterschrieben werden. Auch wenn Corona keine direkten Auswirkungen auf die Anzahl Ausbildungsplätze für diesen Sommer hatte, so macht sich Berufsbildner Marco Tschopp trotzdem Sorgen um die Zukunft. Grund dafür ist das zunehmende Home-Office, das gerade im kaufmännischen Bereich relativ einfach umzusetzen ist, wie die Corona-Situation gezeigt hat. «Wenn aber die Praxisausbildner weniger vor Ort sind, verringert sich der persönliche Austausch mit den Lernenden», sagt Marco Tschopp. «Die Ausbildung in der gleich hohen Qualität zu gewährleisten, wird eine grosse Herausforderung werden.» Aber sie werden alles daransetzen, sowohl die Anzahl Ausbildungsplätze wie auch die Ausbildungsqualität zu sichern. «Junge Menschen auszubilden, ist das Beste, was man machen kann», ist Tschopp überzeugt. Davon profitiert auch das Unternehmen ganz direkt; so arbeiten bei Brenntag zwölf ehemalige Lernende im Unternehmen. Tschopp, der eine KV-Lehre absolviert hat, ist seit 2008 Berufsbildner. «Es ist unglaublich interessant, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten, ihre Entwicklung zu beobachten und mitzugestalten.» Dazu braucht es Rahmenbedingungen, in denen sich die Lernenden wohl fühlen und sich entfalten können. «Die Lernenden wissen, dass sie immer zu mir kommen können – für berufliche Fragen, aber auch für andere Themen, die in einem jungen Leben eine wichtige Rolle spielen.» Vertrauen geben, auf die Jungen zugehen, viele Gespräche führen – darauf komme es an. Wenn er sich an seine Ausbildungszeit erinnere, sei er viel mehr auf sich alleine gestellt gewesen. «Das wollte ich anders machen.»