BVG-Umverteilung muss endlich gestoppt werden

31.03.2021

In der beruflichen Vorsorge werden massiv Gelder umverteilt. Das ist systemwidrig und muss rasch beendet werden, stellt Kurt Gfeller klar. Er ist Vizedirektor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sowie Sozialversicherungsexperte und schreibt in den «kmu news» regelmässig über wichtige Themen der beruflichen Vorsorge.

Kurt Gfeller, Vizedirektor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Unsere Altersvorsorge kennt zwei unterschiedliche Finanzierungssysteme: das Umlageverfahren bei der AHV und das Kapitaldeckungsverfahren in der beruflichen Vorsorge. Beim AHV-Umlageverfahren wird relativ stark umverteilt. Beim Kapitaldeckungsverfahren der beruflichen Vorsorge spart hingegen jeder Versicherte sein eigenes Alterskapital an, das gut abgeschirmt wird und das ausschliesslich der Finanzierung seiner eigenen Altersrente sowie allfälliger ihm zuzuordnenden Hinterlassenenrenten dienen soll.

THEORIE UND PRAXIS

So die Theorie. Die Praxis sieht leider anders aus. Rund sechs Milliarden Franken werden in der beruflichen Vorsorge jährlich den aktiv Versicherten entzogen und an die Rentner umverteilt. Bei 4,3 Millionen Beitragszahlenden macht das Jahr für Jahr rund 1400 Franken oder fast vier Franken pro Tag aus, die den Erwerbstätigen ohne deren Einwilligung entzogen werden. Wie kommt das? Zur Berechnung der BVG-Renten wird das individuell angesparte Altersguthaben mit dem sogenannten Umwandlungssatz multipliziert. Und das Gesetz schreibt seit über 20 Jahren vor, dass dieser Umwandlungssatz im BVG-Obligatorium mindestens 6,8 Prozent betragen muss. Aus heutiger Optik ist diese Mindestvorgabe viel zu hoch angesetzt. Die Pensionskassen kommen finanziell nur dann über die Runden, wenn sie in erheblichem Umfang Gelder von den aktiv Versicherten zu den Rentnern umverteilen.

SCHON DER DRITTE ANLAUF

Diese Umverteilung ist systemfremd und muss gestoppt werden. Das ist politisch aber sehr anspruchsvoll, da eine Senkung des BVG-Mindestumwandlungssatzes automa-tisch tiefere Renten zur Folge hat. Zwei Gesetzesrevisionen sind bereits gescheitert. Beim ersten Anlauf versuchte die Politik, eine Korrektur ohne jegliche Kompensation in die Wege zu leiten. Beim zweiten Versuch – der Altersvorsoge 2020 – wollte man einen erheblichen Teil der BVG-Einbussen über eine AHV-Zusatzrente von 70 Franken finanzieren, was ebenfalls zum Scheitern verurteilt war. Nun unternimmt die Politik einen dritten Anlauf. Der Entwurf des Bundesrats liegt seit letztem November auf dem Tisch. Vorgeschlagen wird eine Senkung des BVG-Mindestumwandlungssatzes auf 6,0 Prozent. Dies wird auf eine breite Zustimmung stossen. Grosse Differenzen gibt es hingegen hinsichtlich der notwendigen Kompensations-massnahmen. Spannung garantiert Zur Auswahl stehen zwei grundverschiedene Ansätze: der eine setzt auf Zusatzrenten, was die berufliche Vorsorge in eine Mini-AHV umfunktionieren würde. Der systemkonforme zweite Ansatz, hinter dem auch der Schweizerische Gewerbeverband sgv steht, will, dass höhere Altersguthaben angespart werden. Die politische Ausmarchung, die eben ihren Anfang nahm, verheisst enorm viel Spannung.

Die Berufliche Vorsorge im Brennpunkt

Das Drei-Säulen-System der beruflichen Vorsorge ist eine Schweizer Erfolgsgeschichte. Aber eine, welche in den letzten Jahren – sogar Jahrzehnten – arg in Schieflage geraten ist. Die Politik und die Bevölkerung tun sich schwer mit den dringend notwendigen Reformen. Aber ohne solche Anpassungen an die neuen demographischen und finanziellen Realitäten ist das System der beruflichen Vorsorge nicht mehr zukunftsfähig. Das Thema betrifft uns alle und die Wirtschaft im Besonderen und ist von grösster Wichtigkeit. Deshalb starten die «kmu news» eine Artikel-Serie zu diesem Thema. In regelmässigen Abständen thematisiert Kurt Gfeller, Vizedirektor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv, den dringenden Handlungsbedarf sowie die aktuellen politischen Diskussionen rund um die berufliche Vorsorge.