Ein brennendes Herz für die Berufsbildung

18.11.2021

Seit sechs Jahren leitet Brigitta Spalinger die Lehraufsicht des Kantons Basel-Stadt. 2021 feierte sie überdies ihr 20-jähriges Jubiläum als Berufsinspektorin. Ende Jahr geht die Frau, deren Herz für das duale Bildungssystem brennt, in den Ruhestand. Insbesondere in den vergangenen Jahren sei die Berufsbildung enorm professionalisiert worden, sagt Brigitta Spalinger im Interview.

Frau Spalinger, in welchen Bereichen hat sich die duale Bildung in den vergangenen Jahren aus Ihrer Sicht am stärksten gewandelt?

Brigitta Spalinger: Die Berufsbildung hat sich in den vergangenen Jahren enorm verändert: Sie steht in einem permanenten Wandel. Mit dem neuen Berufsbildungsgesetz, das seit 2002 gilt, wurden sämtliche Berufe revidiert. Seither werden sie alle fünf Jahre überprüft.

Was ist der Hintergrund für diese Entwicklung?

Die Berufsbildung muss sich heute noch viel stärker als in der Vergangenheit mit dem stetigen Wandel in der Berufswelt auseinandersetzen. Es geht darum, neue Strömungen aufzugreifen – ohne indes auf jede modische Tendenzen einzugehen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nun, die Digitalisierung wird immer wichtiger. Ein Beispiel sind die Schneiderberufe. In früheren Jahren kannte man Damen- und Herrenschneider. Doch die Inhalte der Ausbildungen waren nicht mehr zeitgemäss. Heute spricht man vom Bekleidungsgestalter oder der Bekleidungsgestalterin EFZ. Dieser Beruf fasst heute zusätzlich zur Damen- und Herrenbekleidung die Kopfbedeckung, die Pelzkleidung, die Berufs- und Schutzbekleidung auch Kürschner und Pelznäher, also fünf Schwerpunkte zusammen. Aus fünf Berufen wurde einer. Die Digitalisierung der Schnitt-Techniken und Arbeitsabläufe, die rationelle Fertigung und Produktion kommen ins Spiel. So kann dem «Aussterben» von Berufen wie etwa der Modistin – also der Hutmacherin – entgegengewirkt werden.

Die duale Bildung galt jahrelang als das Erfolgsmodell der Schweizer Berufsbildung – gilt dies auch heute noch?

Oh ja! Ich bin nach wie vor von der Berufsbildung begeistert und überzeugt. Gerade auch mit den heutigen Möglichkeiten zur Weiterbildung handelt es sich mehr denn je um ein Erfolgsmodell. Man darf auch nicht vergessen: Der bekannte Fachkräftemangel bietet jungen Menschen, die eine attraktive berufliche Karriere anstreben, enorme Chancen.

Wie gelingt es, nach der obligatorischen Schulzeit mehr und besser ausgebildete Jugendliche zu einer Berufsausbildung zu bewegen?

Das ist in der Tat eine Herausforderung. Fakt ist nun einmal: Das Gymnasium ist nicht für alle Jugendlichen die beste Lösung, so wie auch eine Lehre nicht für alle passt. Der Vorteil einer beruflichen Grundbildung in einem Betrieb ist offensichtlich: Die Jugendlichen übernehmen sofort Verantwortung für einzelne Bereiche. Und sie realisieren, dass sie Teil eines Ganzen sind, dass das, was sie tun, eine Wirkung erzielt – damit erfahren sie ihre eigene Wirksamkeit. Und sie leisten einen wichtigen Beitrag zum Gelingen im Team und zur Wertschöpfung in einer Firma und somit auch für die gesamte Gesellschaft.

Wie kann das duale Bildungssystem gestärkt werden – insbesondere auch im Kanton Basel-Stadt?

Essenziell ist, dass es gelingt, die hohen Qualitätsstandards zu halten. Zu diesem Zweck müssen die Berufsbildnerinnen und -bildner in den Ausbildungsbetrieben über die entsprechenden Kapazitäten verfügen. Darum legt die Lehraufsicht grossen Wert darauf, dass sie Zeit zum Ausbilden, aber auch die Chance zur Weiterbildung erhalten.

Wer ist gefordert?

Es sind vor allem die Branchen – und am Ende entscheiden die Unternehmen immer auch selber, wie sie es mit der Berufs- und Weiterbildung handhaben. Die Verbundpartnerschaft zwischen dem Bund, den Kantonen und den Organisationen der Arbeitswelt, ODA – also den Berufsverbänden – ist dabei entscheidend, aber auch ein komplexes Konstrukt. Der Kanton, also die Lehraufsicht muss  dafür sorgen, dass operativ umgesetzt wird, was die ODA inhaltlich bestimmen. Das verstehen nicht immer alle. Aber wir sind sehr nahe bei den Lehrbetrieben, beraten und unterstützen diese.

Wie gestaltet sich der Kontakt zum Gewerbe?

Wir haben ein sehr gutes Einvernehmen mit dem Gewerbe. Insbesondere die Zusammenarbeit mit der Abteilung Berufsbildung des Gewerbeverbands unter Reto Baumgartner würde ich sogar als ist ausgezeichnet bezeichnen. Wir haben die gleichen Ziele: Erstens sollen möglichst viele junge Menschen über einen qualifizierten Berufsabschluss verfügen. Zweitens sollen die Unternehmen möglichst gut ausgebildete und qualifizierte Fachleute einstellen können.

Wenn Sie an Ihre berufliche Laufbahn zurückdenken: Was hat Sie persönlich am meisten bewegt?

Die Berufsbildung ist eine fantastische Angelegenheit. Sie ist auch ein unglaublich kompliziertes Gebiet. Ich habe enorm viele tolle Erfahrungen gemacht, gerade auch, weil es uns als Lehraufsicht immer wieder gelingt, unbürokratisch, rasch und pragmatisch Lösungen zu finden, welche vielen Menschen das Leben erleichtern und sie schlussendlich nach vielen Kurven doch erfolgreich eine Ausbildung abschliessen können. Und dabei muss man den Berufsbildner und Berufsbildnerinnen ein Kränzchen winden: Im Hintergrund erbringen sie eine wesentlichen Integrationsleistung für unsere gesamte Gesellschaft. Danke!