Bitte mehr Vernunft in der Energiepolitik

10.11.2022

Die Kosten im Gastgewerbe steigen auf breiter Front, am stärksten im Energiebereich. Gleichzeitig sinkt das frei verfügbare Einkommen bei den Gästen. Ein Teil unserer Branche ist besonders hart betroffen.*

                                     *Maurus Ebneter Präsident Wirteverband Basel-Stadt


Rund ein Fünftel unserer Mitglieder gehört zu den Grossverbrauchern (mit einem Stromverbrauch von mehr als 100 000 kWh). Davon beziehen 70 Prozent den Strom auf dem sogenannten «freien Markt». Dieser ist aber gar nicht frei, sondern von oligopolistischen Verhältnissen geprägt.

Rund 15 Prozent unserer Mitglieder sind also nicht mehr in der Grundversorgung – und dürfen auch nicht dorthin zurückkehren. Ein Teil davon hat die Stromtarife für nächstes Jahr noch zu einem akzeptablen Preis fixiert. Vermutlich jedes 15. gastgewerbliche Unternehmen steht jedoch bereits jetzt vor dem Problem, dass sich die Stromkosten um den Faktor 10 bis 20 verteuern werden.

Gehen wir davon aus, dass ein Durchschnittsbetrieb bisher Energiekosten von 2 bis 3 Prozent des Umsatzes hatte, dann betrugen die reinen Stromkosten je nach Energiemix rund 1 bis 2 Prozent. Verzehnfachen sich nun die Strompreise, müssten die derart betroffenen Betreiber um 10 bis 20 Prozent aufschlagen, um sich schadlos zu halten (die höheren Gaspreise sowie die gestiegenen Lebensmittel- und Personalkosten sind hier noch nicht berücksichtigt). Solche Preiserhöhungen kann man unmöglich am Markt durchsetzen.

Mit anderen Worten: Die Kostenexplosion ist für das Gastgewerbe bedrohlich. Für nicht wenige Betriebe ist sie sogar existenzgefährdend. Vielleicht sollten wir das sogenannte Merit-Order-Prinzip in der Gastronomie einführen: Dann kostet der Kaffee einfach überall so viel wie am teuersten Ort, zum Beispiel so viel wie am Markusplatz in Venedig. Sie finden das verrückt? Genau so funktioniert der Strommarkt!

Zwar gibt es politische Forderungen und Absichten. Aber mit Überbrückungskrediten und vereinfachter Kurzarbeit allein sind die Probleme nicht gelöst. Eine Rückkehrmöglichkeit in die Grundversorgung und die Sistierung der Lenkungs- und Förderabgaben würden die Situation lindern (die hohen Preise lenken den Verbrauch ja schon genug). Wahrscheinlich wird es am Schluss ein intelligentes System von Energiekostenzuschüssen brauchen.

Bevor diese Idee mehrheitsfähig wird, müssen wohl zuerst einige Wirte, Hoteliers, Bäcker, Bierbrauer und Industriebetriebe das Handtuch werfen. Das Einzige, was langfristig hilft, ist die Rückkehr zu einer vernunftbasierten und ideologiefreien Energiepolitik. Ich hoffe, dass hier ein Umdenken einsetzt – und nicht erst, wenn es schon zu spät ist.