28.01.2026
Solaroffensive Basel-Stadt: Stolpersteine in der Praxis
Der Kanton Basel-Stadt plant mit seiner Solaroffensive einen massiven Vorstoss in Richtung Energiewende. Alle geeigneten Dächer von rund 8500 Bestandsgebäuden sollen bis 2040 so ausgebaut werden, dass ein jährlicher Solarstromertrag in der Grössenordnung von 500 GWh möglich wird und damit das Netto-Null-Ziel 2037 unterstützt wird.
Der Gewerbeverband Basel-Stadt unterstützt die Förderung einer nachhaltigen Stromproduktion und steht zum Netto-Null-Ziel 2037. Der aktuelle Entwurf des Regierungsrats, der zurzeit in der Kommission des Grossen Rats behandelt wird, setzt jedoch stark auf Pflichten und Strafabgaben und greift damit tief in Eigentumsrechte und unternehmerische Entscheidungsfreiheit ein. Viele Pläne prallen zudem an der Realität ab, wenn sie nicht praxisnah angepasst werden.
Wenn das Solarkataster die Praxis übersieht
Das Solarkataster bildet das Herzstück der Offensive, indem es Dächer als «solarfähig» einstuft und somit die Pflicht zur Installation begründet. In der Realität laufen die Dinge jedoch anders: Revisionswege für Handwerker müssen stets frei bleiben, Abstände zu den Dachrändern schützen die Module vor Windlasten, technische Anlagen und Aufbauten wie Kamine oder Lüftungen nehmen nutzbare Flächen in Anspruch.
Besonders bei Flachdächern schrumpft der installierbare Bereich oft auf 50 bis 66 Prozent der Gesamtfläche – deutlich weniger als die pauschal angenommenen 70 Prozent im Ratschlag.
Hinzu kommen dynamische Faktoren wie wachsender Baumbewuchs oder neue Nachbarbauten, die das Kataster nicht abbildet. «Der Kataster übersieht bauliche Details und künftige Veränderungen», kritisiert Andreas Meyer, dipl. Dachdeckermeister, Spengler EFZ / Solarinstallateur EFZ und Geschäftsführer der Emil Landsrath AG. «Massgeblich darf deshalb nicht eine fixe Prozentzahl sein, sondern das technisch Maximum nach dem Stand der Technik.»
Fachkräftemangel droht Ausbau zu bremsen
Die Solarpflicht erfordert im Schnitt 600 neue Anlagen pro Jahr – eine Verdreifachung gegenüber dem heutigen Stand. Schweizweit fehlen jedoch schätzungsweise 300 bis 400 ausgebildete Solarfachkräfte, und die neuen Lehrberufe wie Solarinstallateur EFZ brauchen mehrere Jahre, um greifbare Effekte zu entfalten.
Unter Zeitdruck drohen dann nicht nur Verzögerungen, sondern auch Qualitätsmängel: Fehlmontagen können Erträge mindern, Wassereintritte verursachen oder gar Brände auslösen. Der Gewerbeverband Basel-Stadt plädiert für realistische Etappenpläne, die sich an der Ausbildungsrealität orientieren, ergänzt durch ein Qualitätssicherungssystem mit Pflichtzertifikaten für Installationsfirmen und regelmässigen Stichprobenkontrollen direkt auf den Dächern.
Förderfallen und Netzengpässe als weitere Hürden
Die geplanten Förderbeiträge sinken degressiv über die Zeit, mit den höchsten Sätzen in den ersten Jahren nach Inkrafttreten und deutlich tieferen Beiträgen gegen 2040. Das könnte Eigentümerinnen und Eigentümer zu einem frühen Bauboom bis 2030 antreiben, gefolgt von einer Flaute und einem hektischen «letzten Drücker» vor Fristende 2040. Hinzu kommen technische Fortschritte in Sachen Effizienz und Ästhetik.
«Eigentümerinnen und Eigentümer warten auf bessere Technik, dann kommt die Überproduktion – und das Netz kann die Überschüsse nicht abführen», erklärt Andreas Meyer. Viele lokale Stromnetze stossen bei hoher Einspeisung an ihre Grenzen, sodass Wechselrichter automatisch drosseln und Eigentümer Ertragsverluste erleiden, obwohl ihre Anlagen einwandfrei laufen.
Der Gewerbeverband Basel-Stadt fordert deswegen einen verbindlichen Netzausbau sowie eine Entschädigung für nicht abgenommenen Strom, bis die Engpässe behoben sind. Dazu kommt eine flachere, lineare Degression der Fördergelder – erst nach Inkrafttreten des Ratschlags beginnend – sowie eine Anrechnung von Alternativen wie Solarthermie oder Dachbegrünung.
Vom Zwang zu smarten Anreizen
Der Regierungsrat schlägt Strafabgaben von 150 Franken pro fehlendem Kilowatt vor – das sind bei einer typischen 10-kW-Anlage 15 000 Franken über zehn Jahre. Stattdessen fordert der Gewerbeverband Basel-Stadt praxisgerechte Flexibilität, die Eigentumsrechte respektiert und unnötige Bürokratie vermeidet.
«Die Energiewende muss Hand in Hand mit dem Handwerk gehen, damit ambitionierte Ziele nicht an der Praxis zerbrechen», fasst Andreas Meyer zusammen. Nur wenn technische Realitäten, Fachkräftesituation und wirtschaftliche Rahmenbedingungen aufeinander abgestimmt sind, wird die Solaroffensive breit getragen und langfristig erfolgreich.