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Die Stärke der Lehre liegt nicht in der Anzahl Ferien

Die Stärke der Lehre liegt nicht in der Anzahl Ferien

Die Ferienfrage für Lernende bewegt die Wirtschaft. Während Gewerkschaften und linke Parteien eine zusätzliche Ferienwoche für Lernende fordern, warnen viele Betriebe vor neuen Belastungen und einem Verlust an Ausbildungsqualität.

Der Gewerbeverband Basel-Stadt hat die Debatte zum Thema Berufsausbildung und Ferien aufgegriffen auf und Branchenstimmen aus der Praxis zum Streitgespräch eingeladen: Angela Lilienthal, Vorstandsmitglied von HotellerieSuisse Basel und Region und General Manager des Basel Marriott Hotels, und Claude Ammann, Präsident des Schweizerischen Fitness- und Gesundheitsverbands. Moderiert wurde das Gespräch von Tamara Hunziker, Leiterin Politik des Gewerbeverbands Basel-Stadt. Einig waren sich beide in einem Punkt: Die Flexibilität in den Betrieben darf nicht verloren gehen – starre Vorgaben wären der falsche Weg.

Tamara Hunziker (TH): Die Forderung nach mehr Ferien für Lernende kommt derzeit politisch wieder aufs Tapet. Wie wirkt sich diese Diskussion in den Betrieben aus?
Angela Lilienthal (AL): Die Diskussion läuft auch in unseren Betrieben. Deshalb haben wir uns im Vorstand frühzeitig damit befasst – «8 Wochen Ferien für Lernende» das befürworten wir nicht. Aber der Übergang von 13 Wochen Schulferien zu fünf Wochen in der Lehre ist herausfordernd, besonders in der Hotellerie mit Abend- und Wochenendarbeit. Die Lernenden starten oft mit knapp 15 Jahren und sind weniger resilient. Work-Life-Balance und psychische Gesundheit gewinnen an Bedeutung. Zusätzliche Ferienwochen, etwa im Modell 7/6/5, könnten den Einstieg erleichtern und Ausfälle reduzieren. Der Vorschlag stammt vom Vorstand; wir holen aktuell Rückmeldungen aus Baselland, vom Wirteverband und unseren Mitgliedern ein.
Claude Ammann (CA): Ich halte eine generelle Erhöhung für falsch. In vielen Betrieben gibt es bereits zwei Schultage pro Woche, mit Berufsmatura drei. Dazu kommen überbetriebliche Kurse. Noch mehr Abwesenheiten erschweren die Planung gerade für kleine KMU. Einige würden sich fragen, ob sie weiterhin ausbilden. Die Stärke der Lehre liegt in der Praxisnähe – nicht in der Ferienzahl.

TH: Wie gewinnt die Berufslehre an Attraktivität – unabhängig von der Ferienfrage?
CA: Wir müssen unsere Berufe besser sichtbar machen. Die SwissSkills zeigen eindrücklich, wie stolz Lernende auf ihre Leistungen sind. Sie sind die besten Botschafterinnen und Botschafter. Die Berufslehre hat hier Aufholbedarf – wir sollten die Leistungen der Jugendlichen stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken und ihre Arbeit auch gebührend würdigen.
AL: Da bin ich völlig einverstanden. Unsere Lernenden produzieren eigene Clips für Instagram und TikTok und gestalten Projekte wie das grösste Lebkuchenhaus Basels. Kommunikation auf Augenhöhe wirkt besser als jede Plakatkampagne.

TH: Der Vergleich mit den Schulferien sorgt immer wieder für Diskussionen. Ist er überhaupt gerechtfertigt?
CA: Kaum. Im Gymnasium gibt es rund 13 Wochen Ferien – unbezahlt. In der Lehre dagegen fünf bis acht Wochen – bezahlt. Der Vergleich hinkt also. Wenn überhaupt, müsste man bei den Gymnasialferien ansetzen.
AL: Die Systeme sind nicht direkt vergleichbar. Entscheidend ist, was im Betrieb funktioniert. Deshalb sollte die Flexibilität erhalten bleiben, damit Unternehmen ihre Bedingungen an den Markt anpassen können.
CA: Mehr Ferien für Lernende wären auch gegenüber anderen Mitarbeitenden schwierig zu begründen. Wenn Einsteigerinnen und Einsteiger mehr freie Tage hätten als erfahrene Fachkräfte, könnte das das Teamgefüge belasten.
AL: Lernende sind eine eigene Gruppe mit besonderen Bedürfnissen. Solange Betriebe die Kosten tragen können, sehe ich kein Problem darin, Lernende gezielt zu fördern – auch mit etwas mehr Erholungszeit.

TH: Sind branchenspezifische Lösungen nicht sinnvoller als eine einheitliche Regel für alle?
AL: Ganz klar. Innerhalb unseres Verbands zeigen erste Rückmeldungen, dass viele Betriebe zusätzliche Ferienwochen, etwa im Modell 7/6/5 für Lernende befürworten. Der Metzger GAV sieht ab 2027 sechs Wochen Ferien für Lernende vor. Solche branchenspezifischen Lösungen sind praxisnäher und passender als starre Vorgaben.
CA: Genau so funktioniert es ja heute – und das ist gut so. Betriebe können bereits zusätzliche Ferientage gewähren, wenn sie es sich leisten können oder besondere Leistungen anerkennen wollen. Eine gesetzliche Pflicht hingegen würde diese Flexibilität zerstören.

TH: Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Aspekt für die KMU in Bezug auf die Ferienfrage?
CA: KMU sollten Ferien gezielt und mit Augenmass einsetzen. Es geht nicht darum, mit zusätzlichen freien Tagen zu punkten, sondern um eine starke Ausbildung und klare Perspektiven. Entscheidend ist, dass die Betriebe Freiraum behalten, um eigene Lösungen zu finden – das stärkt Vertrauen und Eigenverantwortung.
AL: Ich sehe das ähnlich. Lernende gezielt fördern und gleichzeitig die Abläufe im Blick behalten – das ist der richtige Weg. Branchenlösungen haben Vorrang, weil sie näher an der Realität sind. Starre Vorgaben helfen weder den Betrieben noch den Lernenden.