Lehrstellensituation: «Mehr Jugendliche aus Basel-Stadt mit Lehrvertrag»

01.09.2020

In Basel-Stadt präsentiert sich die Lehrstellensituation trotz Corona erstaunlich stabil. Im Interview erklärt Ulrich Maier, Leiter Mittelschulen und Berufsbildung im Erziehungsdepartement, warum das so ist und dass die Perspektive für nächstes Jahr weniger rosig aussieht.

«kmu news»: Wie sieht die allgemeine Lehrstellensituation in Basel-Stadt aus?
Ulrich Maier: Ich bin froh, dass die schweizweit sehr negativen Prognosen bei uns nicht eingetroffen sind. Im Moment liegen wir bei den abgeschlossenen Lehrverträgen drei Prozent hinter dem Vorjahreswert. Das entspricht rund 50 Lehrverträgen. Aber das Bild könnte sich noch verbessern, da immer noch Lehrverträge abgeschlossen werden. Das heisst, in Basel-Stadt kommen wir diesbezüglich glimpflich davon. Erfreulich ist, dass tendenziell mehr Lehrverträge mit Jugendlichen aus Basel-Stadt abgeschlossen wurden als 2019.

Woran liegt das?
Das ist schwierig zu sagen. Aber offenbar ist es uns in Basel-Stadt gelungen, mehr Schülerinnen und Schüler zu Bewerbungen zu motivieren. Auch das Zentrum für Brückenangebote ist am Ball geblieben. So gab es noch einige Lehrvertragsabschlüsse im Juli von Jugendlichen, welche sich bereits für ein Brückenangebot eingeschrieben haben. Wichtig waren dabei auch zusätzliche Angebote wie die Online-Lehrstellenbörsen des Gewerbeverbandes Basel-Stadt.

Ulrich Maier vom Erziehungsdepartement Basel-Stadt

Expertinnen und Experten sagen, dass die Corona-Krise erst im nächsten Jahr deutliche Spuren auf dem Lehrstellenmarkt hinterlassen werde. Wie ist Ihre Einschätzung mit Blick auf den Lehrbeginn 2021?
Ich teile diese Ansicht. Im Moment hilft das Instrument der Kurzarbeitsentschädigung den Unternehmen, ihr Lehrstellenagebot aufrecht zu erhalten. Aber wir wissen, dass es auf das nächste Jahr hin Veränderungen geben wird. Insbesondere in den Branchen, die von der Coronakrise sehr hart getroffen sind. Dazu zählen Hotellerie, Gastronomie und Eventbranche. Zusätzlich dürfte die allgemeine Situation negative Auswirkungen auf den Lehrstellenmarkt haben. So mussten wir die Basler Berufs- und Weiterbildungsmesse und andere Veranstaltungen der beruflichen Information absagen. Die Bewerbungs- und Rekrutierungsverfahren werden sich noch weiter verändern und vermehrt online stattfinden.

Prognosen von der KOF und anderen gehen von 10 bis 20 Prozent weniger Lehrstellen aus im nächsten Jahr. Was würde das bedeuten?
Dann hätten wir in Basel-Stadt 100 bis 200 Schülerinnen und Schüler mehr, die keine Anschlusslösung haben. Und das würde zusätzliche Kapazitäten bei den Angeboten für Zwischenlösungen bedingen. Wir verfolgen diese Entwicklung genau. Ebenso wie die Schnittstelle zwischen Ausbildung und Berufseinstieg. Im Moment bin ich aber froh, dass wir nicht die gleiche Situation haben wie in der lateinischen Schweiz, wo der Lehrstellenmarkt eingebrochen ist. Es ist zentral, dass die Schülerinnen und Schüler den Glauben an den Lehrstellenmarkt nicht verlieren.

Wie sieht eigentlich die Situation an den Berufsfachschulen aus? Davon liest man weniger in den Medien.
Rückblickend stellen wir fest, dass die Situation mit dem Fernunterricht für die Berufsfachschulen sehr schwierig war. Die Leistungsschere wurde verstärkt – je nach Lernumfeld und Unterstützung zuhause. Diese Lücken müssen nun behoben werden. Aber mit Blick in die Zukunft haben Elemente des sogenannten «Blended Learning» Vorteile. Wir müssen also E-Learning-Elemente mit dem Präsenzunterricht kombinieren.

Wie hat sich eigentlich Ihre Arbeit durch Corona verändert?
Der Arbeitsalltag hat sich komplett geändert, insbesondere durch den Wegfall der physischen Meetings und Veranstaltungen. Beruflich betreiben wir seit März permanentes Krisenmanagement. Die Situation ändert sich oft innerhalb von Tagen. Das verlangt den Bildungsorganisationen, dem Department, den Lehrpersonen und den Schülerinnen und Schülern viel ab. Die langfristige und strategische Planung kam im letzten halben Jahr zu kurz. Aber uns ist auch bewusst: Wir müssen jetzt Lösungen erarbeiten für corona-konforme Abschlussprüfungen 2021. Das ist wichtig.