So gewinnen Sie junge Menschen für die Berufslehre

04.06.2019

Das Prestige der Berufslehre in der Schweiz ist hoch. Trotzdem wählen immer weniger junge Menschen den direkten Weg in die Berufsausbildung. Wie können wir Gegensteuer geben? Reto Baumgartner, Leiter Berufsbildung beim Gewerbeverband Basel-Stadt, erklärt, was beim Lehrlingsmarketing wichtig ist.

Warum entscheiden sich zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz für eine Berufslehre? Weil die Berufslehre als unbestrittene Erfolgsgeschichte gilt. Denn die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist dank der gut ausgebildeten Fachkräfte im Land gut – und die Berufslehre ist der zentrale Grund für die tiefe Jugendarbeitslosigkeit. Schön und gut. Tatsache ist jedoch, dass immer mehr Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit den Weg über eine weiterführende Schule wählen. Was können Unternehmen, Organisationen und Wirtschaftsleute tun, damit sich wieder mehr Jugendliche für die Berufsbildung entscheiden?

1. SETZEN SIE DEN FOKUS AUF DIE ELTERN

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Reto Baumgartner.

Eltern finden duale Ausbildung in der Schweiz zwar sehr wertvoll und gut, bei den eigenen Kindern hört diese Begeisterung jedoch schnell auf. Dann besteht die Gefahr, dass Kinder jene ideale Berufswahl verpassen, die eigentlich ihren Neigungen und Fähigkeiten am besten entsprechen würde. Im Lehrlingsmarketing muss also auch ein Elternmarketing integriert werden. Viele junge Menschen lassen sich bei der eigentlichen Berufswahl stark von ihren Eltern beeinflussen. Welche Kriterien sind für die Eltern wichtig? Zum Beispiel eine hohe Job-Sicherheit, gute Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten, Ansehen des Berufs sowie Vereinbarkeit von Job und Privatleben. Geben Sie in Ihrem Lehrlingsmarketing Antworten auf diese Fragen.

2. BEACHTEN SIE DIE BEDÜRFNISSE DER JUGENDLICHEN

Für die Jugendlichen ist der Übergang von der Schule in das Berufsleben ein grosser Schritt. Gross sind auch die Erwartungen an den Lehrberuf. Wichtig ist:

  • Die Arbeit soll Spass machen, abwechslungsreich sein und den eigenen Neigungen entsprechen.
  • Ein angenehmes Arbeitsklima und nette Kollegen.
  • Die Sicherheit des Arbeitsplatzes sowie eine Tätigkeit, die eine Zukunft hat und mit Wertschätzung verbunden ist.
  • Vereinbarkeit mit dem Privatleben, Kontakt zu anderen Menschen und Herausforderungen.

Das zeigt: Freude an der Arbeit, Sicherheit, klare Strukturen und Verbindlichkeit sind wichtiger als die materiellen Aspekte. Gratifikationen wie eine leistungsorientierte Bezahlung, gute Aufstiegsmöglichkeiten oder ein hohes Einkommen sind jungen Menschen zwar durchaus wichtig, stehen aber nicht an der Spitze ihres beruflichen Anforderungsprofils.

3. GESTALTEN SIE IHREN REKRUTIERUNGSPROZESS ATTRAKTIV

Zeigen Sie in jedem Detail, dass Sie eine grosse Wertschätzung für Ihre zukünftigen Lernenden mitbringen. Dazu gehören folgende Punkte, die natürlich nicht abschliessend sind:

  • Die Verantwortlichen für Lernendenausbildung sind auf der Website gut auffindbar, sympathisch dargestellt, inklusive Kontaktdaten. Natürlich sollte die Website mobileoptimiert sein.
  • Integrieren Sie heutige Lernende in den Bewerbungsprozess.
  • Antworten Sie innert kurzer Frist, teilen Sie Entscheide umgehend und transparent mit.
  • Laden Sie die Kandidaten nicht in ein «Allerweltsbüro» ein, sondern in einen schicken Raum, wo Produkte und Marken hautnah erlebbar werden.
  • Bieten Sie Schnupperlehren an, auch ohne Voranmeldung und unabhängig vom Alter.
  • Ermöglichen Sie den potenziellen Lernenden Erlebnisse. Denn wenn jemand mit dem Gefühl nach Hause geht, etwas Besonderes erlebt zu haben, ist schon viel erreicht.
  • Schade ist, dass viele Betriebe keine Schnupperlehren mehr anbieten, denn diese sind sozusagen das Vorzimmer zur Lehrstelle.

4. SEIEN SIE MUTIG UND INNOVATIV

Gehen Sie Ihren eigenen, unverwechselbaren Weg. Als Inspiration nenne ich Ihnen hier einige mögliche Ansatzpunkte:

  • Schaffen Sie sich einen direkten Bezug zur Zielgruppe, etwa als Trikotsponsor bei einem Sportverein. Laden Sie Team und die Eltern immer wieder einmal in Ihren Betrieb ein und zeigen Ihnen, was Sie machen.
  • Als KMU können Sie mit einem unkomplizierten, temporeichen Bewerbungsprozess punkten.
  • Werben Sie mit Humor und authentischen Menschen. Und verwenden Sie lieber originelle, glaubwürdige Bilder als gestellte Fotos.
  • Legen Sie alte Gewohnheiten ab – trauen Sie sich, neue Wege zu gehen. Die Zeiten ändern sich.
  • Wie wäre es beispielweise, vollständig auf Anforderungsprofile zu verzichten und nur eindeutig überprüfbare Fakten in der Ausschreibung zu integrieren?
  • Machen Sie nicht jeden kurzlebigen Social Media Hype mit. Schaffen Sie als Ausbildungsbetrieb lieber vermehrt reale Kontaktpunkte, um möglichst viele Schülerinnen und Schüler mit Potential persönlich kennenzulernen und zu überzeugen.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg beim Umsetzen Ihres idealen Lehrlingsmarketings. Und natürlich drücken wir Ihnen die Daumen, dass Sie Ihre Lehrstellen mit passenden Kandidierenden besetzen können!