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Zukunft Handwerk: «Auf Baustelle meinen Platz gefunden»

Zukunft Handwerk: «Auf Baustelle meinen Platz gefunden»

Ramona Doma findet im Malerberuf Ruhe, Kreativität und ein Team, das sie trägt. Beni Jörg, Inhaber des Traditionsbetriebs Sigi Jörg Malergeschäft GmbH, erläutert, warum er bewusst auf den Nachwuchs setzt.

Frau Doma, Herr Jörg, wenn Sie heute gemeinsam auf eine Baustelle fahren: Wer von Ihnen ist nervöser – der Chef oder die Lernende?

Ramona Doma (RD): (lacht) Ich glaube, am Anfang war ich klar nervöser. Heute freue ich mich einfach, weil kein Tag gleich ist und ich am Abend immer sehe, was ich geleistet habe.

Beni Jörg (BJ): Ich bin nur nervös, wenn ich merke, dass ich selber noch nicht alles vorbereitet habe. Aber was Ramona sagt, trifft es gut: Dieses unmittelbare Resultat am Abend, das ist doch das Schöne an unserem Beruf.

Ramona, Sie haben zwei andere Ausbildungen abgebrochen. Weshalb hat es im Malergeschäft geklappt?

RD: Ich war im Detailhandel, und dort hatte ich zu viele verschiedene Kundenkontakte. Ich mag Menschen, aber die vielen Gespräche haben mich überfordert. Ich habe etwas gesucht, wo ich in Ruhe arbeiten kann, trotzdem mit Leuten zu tun habe und kreativ sein kann.

BJ: Und genau da hat es gepasst. Wir brauchen Leute, die gerne gestalten, sich konzentrieren können und Verantwortung übernehmen wollen. Dann spielt es keine Rolle, ob der Weg dorthin gerade war oder halt mit ein paar Abzweigungen.

Herr Jörg, Ihr Betrieb ist ein Traditionsunternehmen. Was ist von früher geblieben, was mussten Sie verändern?

BJ: Geblieben ist die Kundenorientierung. Ohne die geht es nicht, damals wie heute. Geändert haben sich Werkzeuge und Materialien: Wir setzen viel stärker auf umweltverträgliche Produkte, wässrige Systeme statt Kunstharz. Das verlangt von allen ein Umdenken, gerade von älteren Berufsleuten. Man muss die neuen Materialien anders verarbeiten und dranbleiben mit Weiterbildungen, sonst verliert man den Anschluss.

RD: Für uns Jüngere ist das fast selbstverständlich. Wir lernen von Anfang an mit diesen Produkten zu arbeiten. Aber ich merke schon, dass es manchmal Diskussionen gibt: «Früher war die Farbe halt anders…» (lacht).

Welche Rolle spielt der Nachwuchs in Ihrem Unternehmen?

BJ: Eine sehr grosse. Erstens wegen des Fachkräftemangels – wenn wir nichts tun, fehlen uns später die Leute. Zweitens aus einem sozialen Motiv: Ich möchte Jugendlichen die Chance geben, etwas aus sich zu machen. Darum haben wir zwei Lernende und eine Person in der Vorlehre, unterstützt von der IV, mit dem Ziel, dass sie danach eine reguläre Lehre macht. Insgesamt beschäftigen wir fünf Festangestellte und drei Temporäre.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Lernenden aus? Viele würden vielleicht zuerst an handwerkliches Geschick denken.

BJ: Natürlich ist handwerkliches Talent schön, aber das ist nicht mein erstes Kriterium. Ich schaue als Erstes aufs Zeugnis. Wenn die schulischen Leistungen gar nicht genügen, wird es zu aufwendig, jemanden auf das notwendige Niveau zu bringen. Es ist effizienter, jemand mit guten schulischen Grundlagen handwerklich auszubilden. Diese Leute haben meist auch eine bessere Auffassungsgabe.

RD: Ich finde es fair, dass beides zählt. Wer sich in der Schule Mühe gibt, zeigt ja auch, dass er oder sie dranbleiben kann. Auf der Baustelle ist das genauso wichtig wie eine ruhige Hand.

Handwerk gilt oft als «Gewerbe mit ­goldenem Boden». Wie erklären Sie ­Jugendlichen, dass sich eine Lehre im Malerberuf lohnt?

BJ: Wenn man weiss, wie man arbeitet, stehen einem alle Wege offen. Unser Beruf bietet gerade in Zeiten des Fachkräftemangels eine sehr gute Ausgangslage für eine attraktive Laufbahn. Aber man muss bereit sein, sich einzubringen und sich anzustrengen, sonst funktioniert es nicht. Und: Mit der Entwicklung in der Künstlichen Intelligenz bin ich überzeugt, dass unser Beruf noch lange bestehen wird. Eine handwerkliche Karriere ist für mich eine Investition in die Zukunft, die KI kann uns nicht so schnell ersetzen.

RD: Viele unterschätzen das. Ich rate vor allem Jugendlichen, die vor der Berufswahl stehen: Geht schnuppern, verbringt einen Tag auf der Baustelle. Schaut euch verschiedene Betriebe an und prüft, ob ein Handwerksberuf etwas für euch wäre – vielleicht sogar Malerin oder Maler. Am Bildschirm versteht man das nicht.

Wie haben sich die Erwartungen der Lernenden an Sie als Arbeitgeber verändert, wenn Sie das mit Ihrer eigenen Lehrzeit vergleichen?

BJ: Die Lernenden sind ein Spiegel der Gesellschaft. Wir alle verbringen mehr Zeit in sozialen Medien und haben heute viel mehr Möglichkeiten, wie wir unsere Zeit nutzen. Bei Jugendlichen ist das noch extremer. Das Engagement im Beruf ist insgesamt tiefer als damals, als wir in der Ausbildung waren. Aber ich mache den Jugendlichen keinen Vorwurf. Die Interessen sind heute einfach vielfältiger, und darunter leidet manchmal der Fokus auf den Beruf.

RD: Ich verstehe beide Seiten. Wir haben viele Optionen, und das kann auch Druck machen. Für mich ist wichtig, dass es im Team stimmt. Ohne Harmonie, gegenseitiges Verständnis und Vertrauen funktioniert es nicht. Wenn das passt, investiert man auch mehr Energie in die Arbeit.

Wie sehen Ihre nächsten Schritte nach dem Lehrabschluss aus?

RD: Ich möchte eine Weiterbildung als Technikerin HF machen. Mich interessiert die Baustellenorganisation, die Baustellenleitung und die Teamführung. Ich will nicht stehen bleiben, sondern mich weiterentwickeln, gerne auch mit mehr Verantwortung.

BD: Genau solche Ziele wünsche ich mir von unseren Lernenden. Wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, hat im Handwerk sehr viele Möglichkeiten, vom spezialisierten Profi bis zur Führungskraft.

 

Sigi Jörg Malergeschäft GmbH

Die Sigi Jörg Malergeschäft GmbH ist ein 1997 gegründeter Familienbetrieb mit Sitz am Basler Spalentorweg. 1998 ist Benjamin Jörg ins Unternehmen eingetreten, seit 2013 führt er das KMU. Das Spektrum umfasst sämtliche Malerarbeiten im Innen- und Aussenbereich sowie Spritzarbeiten im eigenen Trockenraum. Mit der Übernahme des Baier Malergeschäfts 2024 wurde die regionale Präsenz in Basel und Binningen zusätzlich gestärkt.